99 Hauptrollen: Fahrrad, Filmstars, Frauenleben – Ruth Orkin im Kleinen Schloss
4. November 2026Eine junge Frau geht durch Florenz und zieht die Blicke der Männer auf sich. Ein Kind klettert zwischen zwei Waschbecken. Ein Fahrrad taucht vor amerikanischen Sehenswürdigkeiten auf, als wäre es selbst auf Entdeckungsreise. Ruth Orkin findet Geschichten auf der Straße, hinter den Kulissen Hollywoods und mitten im Alltag. Mit der Ausstellung „Ruth Orkin – Die Welt im Fokus. Fotografien zwischen 1940 und 1960“ lädt die LUDWIGGALERIE dazu ein, die Fotografin des berühmten „American Girl in Italy“ kennenzulernen. Was ihren Blick besonders macht, erzählen die beiden Kuratorinnen Kerrin Postert und Nina Dunkmann.

Ruth Orkin, Lauren Bacall, St. Regis Hotel, New York City, 1950 © OrkinEngel Film and Photo Archive, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
99 Fotografien, viele Geschichten
Der Weg nach Oberhausen begann mit einem Angebot von f³ – freiraum für fotografie in Berlin. Direktorin Dr. Christine Vogt sah sich die Ausstellung dort an. Später besuchten auch die beiden Kuratorinnen eine Präsentation der Arbeiten in Nürnberg. Für das Kleine Schloss wählten sie schließlich 99 Fotografien aus einer rund 150 Werke umfassenden Leihliste aus. Grundlage war die von Nadine Barth und Katharina Mouratidi kuratierte Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Ruth Orkin Photo Archive entstand.
Dabei ging es darum, aus einer bereits getroffenen Auswahl einen eigenen Rundgang zu entwickeln. „Man möchte Ruth Orkin ja als Fotografin vorstellen – in ihrem ganzen Werdegang“, erklärt Nina Dunkmann. Schlüsselwerke und wichtige Lebensstationen sollten ebenso sichtbar werden wie unterschiedliche Arbeitsweisen. Unter den zahlreichen Hollywood-Porträts galt es etwa, sich auf wenige aussagekräftige Aufnahmen zu konzentrieren. In Oberhausen verbinden sich bekannte Bilder mit neuen Entdeckungen.

Ruth Orkin, American Girl in Italy, Florenz, 1951 © OrkinEngel Film and Photo Archive, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Menschen vor der Kamera
Orkin wächst als Tochter einer Stummfilmschauspielerin in Hollywood auf und möchte selbst Regisseurin werden. Die Fotografie eröffnet ihr einen eigenen beruflichen Weg: In New York arbeitet sie als freie Fotojournalistin, ihre Aufnahmen erscheinen unter anderem in „Life“, „Look“ und der „New York Times“. Die Bilder entstehen mit einem sicheren Gespür dafür, welcher Moment eine Geschichte erzählt.
Häufig scheinen die Menschen ihre Anwesenheit kaum zu bemerken. „Da guckt fast nie jemand in die Kamera“, sagt Kerrin Postert über Orkins Streifzüge durch die Straßen. Die Menschen spielen, arbeiten oder gehen ihren Beschäftigungen nach. Auch bei prominenten Schauspielerinnen interessiert Orkin das Geschehen vor dem fertigen Auftritt: die Ankunft, das Frisieren, die Vorbereitung. „Das sind persönliche Bereiche, in die sie reinschauen darf“, berichtet Postert.
Die Unmittelbarkeit ihrer Fotografien schließt bewusste Gestaltung aber keineswegs aus. Orkin studiert die Szenerie, positioniert sich und lenkt gelegentlich behutsam nach. Auch „American Girl in Italy“ gehört zu einer gemeinsam mit ihrer Reisebekanntschaft Jinx entwickelten Serie über die Erfahrungen alleinreisender Frauen. Beobachtung und Inszenierung greifen ineinander.
Dabei bleibt ihre Begeisterung für den Film spürbar. Nina Dunkmann beschreibt eine Fotografin, die in Geschichten und Bildfolgen denkt – auch in dem, was zwischen zwei Aufnahmen offenbleibt und sich beim Betrachten gedanklich ergänzen lässt.

Ruth Orkin, Nancy Barnhardt, aus der Serie Who Works Harder, New York, 1949 © OrkinEngel Film and Photo Archive; VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Wer arbeitet eigentlich härter?
Wie viel sich durch genaues Hinsehen erzählen lässt, zeigt die Serie „Who Works Harder?“ von 1949. Orkin begleitet eine Hausfrau und Mutter sowie eine berufstätige Frau durch ihren Alltag. Die Frage im Titel klingt nach einem Wettbewerb. Die Fotografien machen die Antwort komplizierter.
„Sie beobachtet, aber sie wertet nicht“, sagt Nina Dunkmann, die der Serie auch einen Beitrag im begleitenden Booklet widmet. Dunkmann hat bereits erlebt, dass Besuchende die Bilder nicht auf den ersten Blick eindeutig zuordnen können. Denn auch die Berufstätige deckt den Frühstückstisch, kümmert sich um Wäsche und Haushalt. Die gesellschaftlichen Erwartungen enden nicht an der Bürotür.
Für Dunkmann liegt darin ein wesentlicher Gedanke der Arbeit: „Also ich glaube, dass sie vielleicht gar nicht nur zeigen wollte, wie unterschiedlich das ist, sondern auch wie ähnlich.“ Orkin lässt die Frauen in verschiedenen Situationen sichtbar werden, ohne sie auf ihre jeweilige Rolle festzulegen.

Ruth Orkin, Tirza zwischen zwei Waschbecken, Tel Aviv, 1951 © OrkinEngel Film and Photo Archive; VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Die besonderen Nuancen
Nina Dunkmanns Lieblingsaufnahme zeigt das Mädchen Tirza, das in Tel Aviv zwischen zwei Waschbecken klettert. Eine kleine Alltagsszene – gleichzeitig ist das Bild sorgfältig komponiert: Das Kind ist von hinten zu sehen, die beiden Becken geben dem Ganzen eine Symmetrie, helle und dunkle Flächen strukturieren das Foto. Die Momentaufnahme und die grafische Wirkung gehören zusammen. Die Aufnahme entsteht in einem Kinderheim in Israel und zeigt doch Freude, Spielen, Leichtigkeit.
Kerrin Postert begeistert besonders die frühe „Bicycle Trip“-Serie. Mit 17 Jahren bricht Orkin 1939 zu ihrer Reise quer durch die USA auf. Unterwegs setzt sie ihr Fahrrad vor Wahrzeichen und Landschaften ins Bild. Postert fühlt sich dabei an das heutige „Pics or it didn’t happen“ erinnert: Das Rad bezeugt, dass die junge Fotografin tatsächlich dort gewesen ist. In der wiederkehrenden Hauptrolle gewinnt es beinahe eine eigene Persönlichkeit.
Ein kletterndes Kind, ein Fahrrad auf Reisen, ein vertrauter Handgriff im Haushalt: Wer sich auf Orkins Fotografien einlässt, kann in unscheinbaren Details ganze Geschichten entdecken. Im Kleinen Schloss ist dafür bis zum 14. Februar 2027 Gelegenheit.
Joelle Czampiel
Kuratorinnenführungen jeweils sonntags, 14 Uhr
- November und 13. Dezember 2026 mit Nina Dunkmann
- Januar 2027 mit Kerrin Postert
Der Eintritt zur Ausstellung im Kleinen Schloss sowie zu den Kuratorinnenführungen ist kostenfrei.
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