Der Kosmos-Kunstkalender: Ein künstlerisches Debüt mit Wucht

16. Januar 2026

 

Album: Udo Lindenberg, Kosmos, 1995 © Udo Lindenberg Archiv

1995 ist Udo Lindenberg längst als Musiker auf dem Zenit seines Erfolges angekommen und hat sich als Rockstar etabliert. Doch Udo hat auch eine andere Seite, die bis dahin nicht Teil seiner Karriere ist. Dass er auf Kellnerblöcken bereits seit Jahren seine ersten Zeichnungen anfertigt, Freunde und Kollegen porträtiert, ist den meisten nicht bekannt. Erst in diesem Jahr, mit dem Erscheinen des Albums Kosmos, tritt er als bildender Künstler in die Öffentlichkeit. Zwölf Zeichnungen begleiten die Songs auf der Platte und werden als Kunstkalender herausgegeben.

 

Liebe und Leidenschaft in Sound und Farbe

   

Ich will den Platz in meinem Herzen neu vermieten | Wenn du mit ihm schläfst | Dach der Welt I, alle 1995 © Udo Lindenberg Archiv

Bunt und knallig kommen die Kosmos-Bebilderungen daher und passen damit perfekt zu den experimentellen Sounds, die sich auf der Platte zu einem ungewöhnlichen Gesamtwerk verbinden. Ich will den Platz in meinem Herzen neu vermieten erzählt von dem Wunsch, das gebrochene Herz einer neuen Liebe anzubieten. Dabei eröffnet sich die Analogie zu einer Wohnung, die neu vermietet werden soll, nachdem sie zuvor von einer nachlässigen Person bewohnt wurde. Im dazugehörigen Bild trägt ein Mann ein T-Shirt mit der Aufschrift „1000.- kalt” direkt auf seinem Herzen. Auch bildlich wird somit mit der Miet-Symbolik in Verbindung mit Liebe gespielt.

Die Melancholie des Songs Wenn du mit ihm schläfst wird in sehr direkter Form auf der Bildebene ausgedrückt. So wird ein Pärchen beim Geschlechtsakt gezeigt – beide Parteien schauen unglücklich; die Frau wird sogar mit einer Träne dargestellt, der Mann trägt einen eher desinteressierten Gesichtsausdruck. Am Bildrand wird das lyrische Ich aus dem Lied sichtbar, das sich fragt, ob die ehemalige Partnerin an ihn denkt, wenn sie mit ihrem neuen Partner zusammen ist. Das Bildmotiv greift Udo 1996 abermals in zwei Werken auf. Hier ist der zuschauende Dritte nicht zu sehen, die bedrückende Atmosphäre wird jedoch wieder durch die traurige Miene des Paares deutlich.

Mehrere Ausführungen gibt es auch vom Dach der Welt. Das Lied handelt von einem Pärchen, das alles um sich herum vergisst, sich von der Welt isoliert und schließlich „an der Liebe erstickt”. Die Abschottung des Paares, gleichermaßen romantisch und düster, wird im Bild durch starke, dunkle Blautöne greifbar. Auf einer Erdkugel steht ein kleines gelbes Haus, in das sich die Liebenden zurückziehen. Die Leere und Weite der Umgebung drückt die Einsamkeit aus, in die sich das Paar begibt, zeigt aber auch, dass Länder, Meere, andere Menschen und Konflikte für die beiden unbedeutend sind. Fluch und Segen dieser allumfassenden Liebe wird sowohl im Sound als auch auf der Leinwand klar.

 

Sex, Drugs & existenzielle Krisen

   

Sie kennen ihre Namen nicht I | Kosmos | Notausgang, alle 1995 © Udo Lindenberg Archiv

Expliziter geht es in dem Lied Sie kennen ihre Namen nicht zu. Hier treffen sich zwei Unbekannte im Zug und lassen ihrer Leidenschaft freien Lauf – dass sie sich nicht kennen und auch nicht kennenlernen wollen, macht ihr Aufeinandertreffen besonders reizvoll. Im Bild erscheinen die beiden nackt vor einem plakativen Hintergrund in Knall-Orange. Neben der offensichtlichen sexuellen Komponente eröffnet sich hier jedoch noch eine andere Ebene. Bis zur Ankunft des Zuges sitzen Mann und Frau entblößt nebeneinander. Ihre Gesichter zeigen, dass ihnen die vorherige sexuelle Begegnung unangenehm ist und dass ihnen das Unbekannte, das vorher anziehend war, nun umso deutlicher wird.

Auch der titelgebende Song des Albums Kosmos erhält eine künstlerische Umsetzung. Udo singt von einem Gott, der „voll auf X-stasy” ist. Mithilfe verschiedener Rauschmittel begibt sich Gott auf einen Trip durch die Galaxie. Die humorvolle Thematik wird im Bild weitergesponnen. Farbverläufe, Planeten und Sterne, ein Gott, der mit Wallemähne und langem Bart auf einem Planeten surft: Die Heiterkeit und Dynamik des Songs wird hier schön aufgegriffen. Das Ecstasy-Wortspiel findet mithilfe eines dicken „X” statt, das Gott auf seiner Brust trägt.

Weniger humoristisch werden Drogenexzesse in dem Lied Notausgang thematisiert. Ein Mann ist der Eintönigkeit seines Lebens überdrüssig und sucht vergeblich nach dem nächsten großen Kick. Lebenslust und Lebensmüdigkeit treffen hier aufeinander. Entmutigt sitzt der Protagonist in einer Bar und stellt sich vor, alle Brücken abzubrechen und noch einmal richtig zu leben. Diese Szene verewigt Udo in seiner Zeichnung. Drei Männer sitzen mit herabgezogenen Mundwinkeln in einer Bar, über dem Kopf der mittigen Person schwebt ein Fragezeichen – ein Symbol für die existenziellen Fragen des Lebens und den Wunsch nach einem Ausbruch aus dem Alltag, die dem Mann durch den Kopf gehen. Im Vordergrund des Bildes ist eine Spielkarte zu sehen: Das rote Herz vielleicht ein Zeichen für unerfüllte Liebes- und Lebensträume oder ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? Interessant ist, dass das Rot der Karte am Revers der drei Männer wieder auftaucht; auch dies möglicherweise ein Hinweis auf gebrochene Herzen. Tragik und Hoffnung liegen hier nah beieinander und werden von Udo auch mit der Zweiteilung des Bildes in ein düster-blaues Farbfeld und eine leuchtend gelbe Fläche miteinander verknüpft.

 

Die Kosmos-Zeichnungen sind für Udo der Beginn einer künstlerischen Karriere. Schon ein Jahr später sind seine Werke in der ersten Ausstellung zu sehen, viele weitere sind mittlerweile dazu gekommen – zuletzt natürlich bei uns, in der LUDWIGGALERIE! Wie geht es wohl weiter, im künstlerischen Kosmos von Udo Lindenberg? Wir bleiben auf jeden Fall gespannt!

Lena Elster


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