Die Sportfotografin Anja Niedringhaus: Momente für die Ewigkeit
21. August 2026Usain Bolt läuft in Peking 2008 über 200 Meter zu olympischem Gold und verbessert in 19,30 Sekunden den Weltrekord. Anja Niedringhaus hält seinen Sieg mit der Kamera fest. Was sich in weniger als zwanzig Sekunden entscheidet, wird in ihrer Fotografie zu einem Bild von Dauer. Anlässlich Bolts 40. Geburtstag am 21. August richten wir der Blick auf einen Bereich ihres Werks, der neben den Aufnahmen aus Kriegs- und Krisengebieten weniger Beachtung fand: die Sportfotografie.

Usain Bolt gewinnt bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im 200m-Lauf, Peking 2008 © picture alliance, AP, Anja Niedringhaus
Zwischen Front und Ziellinie
Krieg und Sport scheinen zunächst weit auseinanderzuliegen. Hier eine Wirklichkeit der Gewalt, dort ein Wettkampf nach festen Regeln. Existenzielle Bedrohung und das Versprechen eines fairen Vergleichs. Fotografisch jedoch gibt es Berührungspunkte. Beide Situationen sind von hoher Spannung, schnellen Bewegungen und unvorhersehbaren Wendungen geprägt. Was geschieht, lässt sich nicht wiederholen. Wer zu spät reagiert oder am falschen Ort steht, verliert das Bild und womöglich mehr.
Niedringhaus bewegte sich mit großer Selbstverständlichkeit zwischen diesen Welten. Einen ihrer abrupten Wechsel beschrieb sie mit trockenem Humor: „[…] morgens um sechs in die Maschine nach London, nachmittags auf dem Center Court. Da habe ich gedacht: ‚Sticht mich mal einer!‘“ Hinter dem Staunen über diesen Kontrast steht eine fotografische Verwandtschaft. Im Stadion wie im Krisengebiet musste sie Abläufe vorausdenken, Körpersprache lesen und unter Druck präsent bleiben. Die Sportfotografie schärfte ihre Reaktion auf Sekundenbruchteile – eine Erfahrung, die ihr auch in
der Kriegsberichterstattung zugutekam.
Serena Williams, Wimbledon, 30. Juni 2012 © picture alliance / AP / Anja Niedringhaus
Eine notwendige Gegenwelt
Nach Einsätzen, die von Tod, Verletzung und Angst bestimmt waren, bot der Sport ihr einen notwendigen Ausgleich. Im Wettkampf gab es Regeln, ein Ziel und einen Schlusspunkt. Erschöpfung und Niederlage gehörten dazu, aber ebenso Freude, Spiel und die Möglichkeit eines neuen Versuchs.
Dieser Wechsel war kein unverbindlicher Urlaub von der Wirklichkeit. Auch bei Olympischen Spielen oder in Wimbledon arbeitete Niedringhaus mit höchster Konzentration. Fast zwei Jahrzehnte lang fotografierte sie das Tennisturnier in London – Leichtathletik und Tennis gehörten zu ihren bevorzugten Disziplinen. Doch die friedliche Arena eröffnete ihr eine andere emotionale Skala. Ihre Bilder erzählen von körperlicher Anspannung und Selbstbeherrschung, von Triumph ebenso wie vom Moment, in dem die Kraft nachlässt.
Das Auge vor dem Fachwissen
Bemerkenswert ist, dass Niedringhaus keineswegs als Expertin für Regeln, Taktiken oder Statistiken auftrat. Ihre Schwester Gide Niedringhaus berichtete sogar, Anja habe von den Disziplinen weniger verstanden. Unter Kolleginnen und Kollegen, die eine Sportart bis in jedes Detail kannten, besaß sie dennoch häufig das sicherste Auge für das überzeugende Bild. Sie musste nicht jede Spielvariante erklären können, um zu erkennen, wie sich ein Körper im Raum organisiert, wann eine Geste eine Wendung verrät oder wo sich die Spannung einer ganzen Begegnung bündelt.
Kerrin Postert hebt im Ausstellungskatalog zudem Niedringhaus’ lakonische Feststellung hervor, in der Sportfotografie gebe es „noch weniger Frauen als in der Kriegsfotografie“. Der Satz benennt ein Arbeitsfeld, das ebenso wie die internationale Krisenberichterstattung lange stark männlich geprägt war. Niedringhaus behauptete sich auch hier nicht durch demonstrative Anpassung, sondern durch die Qualität ihrer Beobachtung.

Ian Thorpe klatscht mit den Fans ab, nachdem er die 400m-Freistil bei den Olympischen Spielen gewonnen hat, Athen, 14. Aug. 2004 © picture alliance / AP / Anja Niedringhaus
Mehr als das Ergebnis
Ihre Sportfotografien erfüllen zunächst eine journalistische Aufgabe: Sie zeigen, wer gewinnt, wer verliert und was geschehen ist. Ihre Wirkung reicht jedoch über Ergebnislisten hinaus. Niedringhaus interessiert sich für die visuelle und menschliche Gestalt des Wettkampfs. Sie verwandelt Leistung nicht in glatte Heldenbilder, sondern lässt Konzentration, Verletzlichkeit und die Härte der körperlichen Arbeit sichtbar bleiben.
Auch die Aufnahme von Usain Bolt ist deshalb mehr als ein Dokument seines Olympiasiegs. Sie führt vor Augen, wie ein Ereignis in das kollektive Gedächtnis übergeht. Anja Niedringhaus musste nicht jede Zwischenzeit kennen. Sie wusste, wann ein Moment für die Ewigkeit entsteht.
Joelle Czampiel
Allgemein
Serena Williams, Wimbledon, 30. Juni 2012 © picture alliance / AP / Anja Niedringhaus