Ein begehbares Bilderbuch
29. September 2026Die Kuratorinnen Dr. Sarah Hülsewig und Linda Schmitz-Kleinreesink über die Kunst der Illustration, überraschende Entdeckungen und 570 Originale aus Astrid Lindgrens Bilderwelten
Pippis rote Zöpfe, Michels Mütze oder die vertrauten Gesichter der Kinder aus Bullerbü: Wer mit Astrid Lindgrens Geschichten aufgewachsen ist, trägt meist nicht nur ihre Figuren, sondern auch ganz bestimmte Bilder im Gedächtnis. Doch wer hat diese Bildwelten eigentlich geschaffen? Die Ausstellung „Pustekuchen, Schabernack und Plutimikation – Astrid Lindgrens Welt in Bildern“ rückt erstmals ausführlich die Künstler*innen hinter den bekannten Figuren in den Mittelpunkt. 570 Originale von 13 Illustrator*innen zeigen, wie unterschiedlich sich Lindgrens Geschichten mit Tusche, Aquarell, Acryl, Collage und weiteren Techniken erzählen lassen.
Für die Kuratorin Dr. Sarah Hülsewig steht außer Frage, dass diese Werke ins Museum gehören: „Buchillustrationen sind eine sehr unterschätzte Kunstform – gerade bei einem Namen wie Astrid Lindgren, bei dem uns die Bilder im kollektiven Gedächtnis geblieben sind.“ Auch Linda Schmitz-Kleinreesink betont die eigenständige künstlerische Qualität der Arbeiten: „Wenn das keine Kunst ist, was dann? Die Illustratorinnen und Illustratoren zeichnen, malen, kreieren ganze Bildwelten und prägen damit unfassbar viele Menschen.“
Näher dran als im Buch
Viele der ausgestellten Motive kennen Besucher*innen bereits von Buchseiten oder Einbänden. Im Museum begegnen sie ihnen jedoch in einer völlig neuen Form. „Am Original kann man jeden einzelnen Tusche- oder Pinselstrich erkennen“, erklärt Sarah Hülsewig. Besonders eindrücklich werde das bei den Collagen von Katrin Engelking: Erst aus der Nähe lasse sich entdecken, welche Ausschnitte aus Werbeprospekten, Muster und kleinen Fundstücke in ihren Bildern stecken. Details, die im gedruckten Buch kaum auffallen, treten im Original deutlich hervor.
Auch Linda Schmitz-Kleinreesink verweist auf die sichtbaren Spuren des Arbeitsprozesses: auslaufende Aquarellränder, Probezeichnungen, Retuschen oder nachträglich mit Deckweiß aufgehellte Flächen. Zudem entsprechen die Maße der Originale keineswegs immer dem späteren Druckformat. „Es ist noch einmal etwas ganz anderes, dieses haptische Original vor sich zu haben. Auch wenn es Flachware ist, wirkt es durch den Farbauftrag beinahe plastisch.“ Die Ausstellung ermöglicht damit nicht nur ein Wiedersehen mit vertrauten Bildern, sondern auch einen Blick in ihre Entstehung.
Zwischen kollektivem Gedächtnis und neuen Entdeckungen
Angesichts der weltweiten Verbreitung von Astrid Lindgrens Büchern hätte die Auswahl noch wesentlich größer ausfallen können. Für die Ausstellung konzentrierte sich das kuratorische Team auf jene Illustrator*innen, deren Bilder im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurden. „Wir wollten unser Publikum ansprechen und das kollektive Gedächtnis aktivieren“, erläutert Sarah Hülsewig. Schließlich sind es gerade diese Illustrationen, die das Aussehen von Pippi, Michel, Lotta und vielen weiteren Figuren hierzulande über Generationen geprägt haben.
Welche Originale tatsächlich gezeigt werden können, hängt allerdings nicht nur vom kuratorischen Konzept ab. „Es ist immer eine Mischung aus der Frage: Was möchte ich erzählen – und was bekomme ich überhaupt?“, erklärt Linda Schmitz-Kleinreesink. Manche Nachlässe und Verlage bewahren umfangreiche Bestände auf, andere Werke dürfen aus konservatorischen Gründen nicht reisen oder für längere Zeit dem Licht ausgesetzt werden. So entsteht die Auswahl aus inhaltlichen Überlegungen, verfügbaren Leihgaben und der Frage, ob eine ganze Geschichte oder möglichst viele unterschiedliche Facetten eines künstlerischen Werks gezeigt werden sollen.
Statt Astrid Lindgrens Schaffen chronologisch nachzuerzählen, entschieden sich die Kuratorinnen für eine Gliederung nach Geschichten und Figuren. Linda Schmitz-Kleinreesink beschreibt die Ausstellung als „begehbares Bilderbuch, in dem man durch seine Lieblingsgeschichten gehen kann“. Eigene Bereiche widmen sich unter anderem Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Bullerbü und den Märchen. Dabei geht es nicht allein um vertraute Motive. Die Räume greifen ebenso Lindgrens Haltung zu Kindern, ihren Bezug zur Natur und zentrale Gedanken wie Freiheit, Selbstbestimmung und Fantasie auf.
Obwohl sich die Illustrationen über viele Jahrzehnte erstrecken, haben sich die dargestellten Welten weniger stark verändert, als man vielleicht vermuten würde. Die Künstler*innen orientierten sich eng an den Textvorlagen, deren zeitliche Verortung bestehen blieb. Veränderungen zeigen sich eher in Kleidung, Herstellungsmöglichkeiten und künstlerischen Techniken. Besonders bei Ilon Wikland, die manche Geschichten mehrfach illustrierte, lässt sich nachvollziehen, wie sich ihre Bildsprache weiterentwickelte.
Ein bisschen Bullerbü in Oberhausen
Während der Vorbereitung begegneten auch den Kuratorinnen Geschichten und Motive, die ihnen zuvor kaum bekannt waren. Sarah Hülsewig entdeckte vor allem weniger populäre Märchen und Erzählbände neu. Besonders beeindruckte sie Hans-Joachim Krantz’ Gestaltung von „Im Land der Dämmerung“. Linda Schmitz-Kleinreesink wiederum war überrascht von der schieren Menge des Materials: „Für mich war unfassbar zu sehen, wie produktiv die einzelnen Zeichner gearbeitet haben und wie viel Astrid Lindgren geschrieben hat. In den Geschichten und Bildern steckt eine unglaubliche Arbeit.“
An wen richtet sich diese Fülle? Linda Schmitz-Kleinreesink macht es kurz: „An alle.“ Kinder können Figuren und Geschichten auf ihrer eigenen Augenhöhe entdecken – einige Originale wurden entsprechend niedrig gehängt. Erwachsene treffen auf Bilder ihrer Kindheit, Eltern auf Geschichten, die sie ihren Kindern vorgelesen haben, und Großeltern möglicherweise auf Illustrationen, die heute gar nicht mehr verlegt werden.
Damit ist „Astrid Lindgrens Welt in Bildern“ Erinnerungsraum und Neuentdeckung zugleich. Oder, wie Linda Schmitz-Kleinreesink es formuliert: Wer bisher noch nicht mit Astrid Lindgren in Berührung gekommen sei, könne das nun nachholen – und sich „ein bisschen Bullerbü in Oberhausen“ gönnen.
Joelle Czampiel
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