Mehr als fünf Namen: Künstlerinnen der deutschen Pop Art
2. April 2026„Es war ein weiter Weg, bis sich die internationale Kunstwelt in der Nachkriegszeit allmählich ihren weiblichen Protagonisten öffnete.“
Das von Kerrin Postert gewählte Einstiegszitat formuliert das strukturelle Ungleichgewicht, das die Kunstgeschichte bis heute prägt, noch sanft. Wie so oft ist auch die Geschichte der Pop Art in Deutschland über Jahrzehnte hinweg vor allem entlang männlicher Namen erzählt worden – von Polke und Richter bis Klapheck und Beuys. Dieses Narrativ ist präsent, aber unvollständig.
In unserer Ausstellung GERMAN POP ART stehen 41 Künstler fünf Künstlerinnen gegenüber: Maina-Miriam Munsky, Almut Heise, Rissa, Sine Hansen und Mary Bauermeister. Ihre Arbeiten bewegen sich im selben thematischen Feld wie die ihrer männlichen Kollegen – Konsum, Alltag, Medien, gesellschaftliche Rollenbilder – und erweitern dieses zugleich um Perspektiven, die aus anderen Erfahrungsräumen heraus entstehen.
Maina-Miriam Munsky richtet ihren Blick auf das, was meist verborgen bleibt: Schwangerschaft, Geburt, medizinische Eingriffe. Mit kühler Präzision zeigt sie den weiblichen Körper nicht als Ideal, sondern als Realität – verletzlich, funktionalisiert, beobachtet. Ihre Arbeiten brechen mit der Vorstellung von Intimität als geschütztem Raum.
Almut Heise arbeitet mit den Bildern der westdeutschen Nachkriegsrealität: Schlafzimmer, Wohnzimmer, sorgfältig arrangierte Interieurs. Ihre Darstellungen wirken kontrolliert und unaufgeregt. Zwischen den Versprechen von Ordnung und Wohlstand und der tatsächlichen Lebensrealität entsteht ein spürbarer Widerspruch.

Rissa, Der Koch II, 1969 © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Rissa entwickelt eine eigene Bildsprache, die sich bewusst von der Abstraktion ihrer Zeit löst. Ihre „Schnipselmalerei“ setzt sich aus farbigen Fragmenten zusammen, die sich zu vertrauten Szenen fügen. Die Störungen, die das Bild kippen lassen, fallen erst auf den zweiten Blick ins Auge und erzeugen einen Moment des Unbehagens.

Sine Hansen, Schere, 1967 © Rechtsnachfolger
Sine Hansen arbeitet mit Werkzeugen, Alltagsgegenständen und industriellen Formen. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, sind sie nicht mehr funktional, sondern aufgeladen – zwischen Kontrolle und Aggression, zwischen Klarheit und latenter Spannung.
Mary Bauermeister erweitert den Bildraum selbst. Ihre Arbeiten verbinden Zeichnung, Text, Objekt und Material zu komplexen Gefügen. Steine, Linsen, Schrift – alles tritt in Beziehung und erzeugt ein dichtes Geflecht aus formalen und inhaltlichen Ebenen.
Diese fünf Positionen sind kein Sonderfall, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs. Sie fügen sich selbstverständlich in das Spektrum der Pop Art ein – thematisch, formal und in ihrer Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Gleichzeitig zeigen sie, wie stark dieses Spektrum auch durch Perspektiven geprägt ist, die lange weniger präsent waren. Es geht weniger um Abgrenzung als um Ergänzung – um eine notwendige Erweiterung dessen, was als erzählenswert galt.
Dass ihnen in der Ausstellung ein eigener Bereich gewidmet ist, ist eine bewusste kuratorische Entscheidung. Sie verweist zugleich auf die Bedingungen, unter denen diese Werke entstanden sind: weniger gesammelt, seltener gezeigt, weniger präsent im kunsthistorischen Kanon. Nicht, weil sie weniger relevant gewesen wären, sondern weil ihnen kaum Raum gegeben wurde.
Aus heutiger Perspektive besteht die Möglichkeit, diesen Blick zu erweitern. Künstlerinnen sind sichtbarer geworden, ihre Arbeiten werden intensiver erforscht und ausgestellt, und auch in kuratorischen und institutionellen Entscheidungspositionen hat sich etwas verschoben. Gleichzeitig bleiben sie in großen Sammlungen und auf dem Kunstmarkt weiterhin unterrepräsentiert. Die Frage, wessen Werke gezeigt, gesammelt und erinnert werden, ist also nach wie vor keine objektive.
Die Geschichte der Pop Art wie auch anderer Kunstrichtungen kann nicht neu geschrieben werden, aber vollständiger gelesen.
Wer tiefer einsteigen möchte: Der Beitrag von Kerrin Postert im Ausstellungskatalog beleuchtet die einzelnen Positionen ausführlich und kontextreich.
Joelle Czampiel
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