Siebzehn Kilo Kunst: Timm Ulrichs – ein Nachruf

7. Mai 2026

In der Ausstellung „German Pop Art – Zwischen Provokation und Mainstream. Die Sammlung Heinz Beck zu Gast in der LUDWIGGALERIE“ konnte ich mehrere druckgrafische Arbeiten von Timm Ulrichs präsentieren, darunter auch das Mappenwerk Vorsicht Kunst! aus dem Jahr 1969. Wie keinem anderen Künstler gelingt es ihm damit, pointiert, bissig, aber auch humorvoll die vielen Normen sowie Ver- und Gebote, die den Museumsbetrieb kennzeichnen, zu persiflieren. Dass all das Barrieren gegenüber der Kunst aufbaut, kritisiert Ulrichs zeitlebens und dies meistens nicht besonders leise, sondern streitlustig und mit eindrucksvollen Aktionen wie Ich kann keine Kunst mehr sehen, bei der er 1975 als Blinder verkleidet über eine Kunstmesse schlendert.

   

Eine Besucherin und Sarah Hülsewig vor einem Teil des Mappenwerks Vorsicht Kunst! © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen | Timm Ulrichs, Ich kann keine Kunst mehr sehen, 1968/2011 © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Als im Februar 2026 mein Telefon klingelt und sich – äußerst höflich – Timm Ulrichs meldet, um mit mir über meine Ausstellung zu sprechen, geht meine Adrenalinkurve für einen kurzen Moment stark nach oben. In der Ausstellungsvorbereitung habe ich mich intensiv mit seinen Kunstwerken, insbesondere mit jenen, die eine antimuseale Haltung bekunden, auseinandergesetzt und genug Interviews mit ihm gelesen und gesehen, um zu wissen: Sein Urteil kann gnadenlos sein. Seine einleitende Aufforderung „Erklären Sie mir mal, warum ich ein Pop Art-Künstler sein soll!“ trägt nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Tatsächlich aber hört er mir zu, als ich ihm mein Konzept erläutere und versteht, warum er aus meiner Sicht zu den deutschen Pop Art-Künstler*innen zählt. Dieses erste Telefonat dauert über eine Stunde; Ulrichs berichtet mir begeistert von den Kunstströmungen in Deutschland Ende der 1960er Jahre und liefert mir wertvolles Hintergrundwissen.

   

Auszug aus dem Ausstellungskatalog | Das 17kg-Paket von Timm Ulrichs © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Nachdem er den „German Pop Art“-Ausstellungkatalog von mir erhalten hat, bedankt er sich umgehend mit einem riesigen Paket, ganze siebzehn Kilo schwer, das er eigenhändig bei der Post aufgegeben hat. Darin befindet sich Timm Ulrichs (Ausstellungs-)Leben in Form von Publikationen. Es folgen weitere Telefonate, er berichtet, Zeile für Zeile unseren Katalog kritisch gelesen zu haben und kommt zu dem Schluss, dass sich ein Besuch in der LUDWIGGALERIE lohnt, bei dem er ein Künstlergespräch anbieten wird. Kurz vor diesem Termin, der für den 19. April 2026 angesetzt ist, ruft mich Timm Ulrichs ein letztes Mal an und teilt mir mit, dass er leider aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Oberhausen kommen kann. Er ist aber frohen Mutes, dass er uns noch im Laufe des Jahres zu einem anderen Zeitpunkt besuchen wird. Dazu kommt es leider nicht mehr, Timm Ulrichs verstirbt am 29. April 2026.

Auch wenn eine persönliche Begegnung nun nicht mehr möglich ist, bin ich sehr froh, ihn telefonisch und in Briefform kennengelernt zu haben – als einen Menschen, der sich Meinungen und Positionen anhört, sie kritisch hinterfragt und dem die Demokratisierung von Kunst bis ins hohe Alter ein Anliegen ist („Bitte lassen Sie das mit dem Honorar, die Leute müssen mich ja aushalten, das reicht doch schon.“). Vorsicht Kunst! ist der Appell an jede*n Kulturschaffenden, Kunst nahbar zu gestalten und auszustellen. Dies werden wir uns auch weiterhin gern zu Herzen nehmen, lieber Timm Ulrichs!

Dr. Sarah Hülsewig


Allgemein