Udo im Selbstporträt – ein Blick in den Spiegel
15. November 2025Wer sich schon einmal in der Ausstellung Udo Lindenberg. Kometenhaft panisch – Likörelle, Udogramme, nackte Akte & viel mehr. Das ganze Udoversum kommt ins Ruhrgebiet! umgeschaut hat, dem wird eines sofort ins Auge gefallen sein: Ein immer wiederkehrendes Element in Udos Werken ist der Künstler selbst. Und der weiß, wie man sich in Szene setzt! Sein gezeichnetes Ich schlüpft in die verschiedensten Rollen – und das besonders gerne auf royale und göttliche Weise. Udo stellt sich damit in die Tradition des Selbstporträts, einer klassischen Darstellungsform in der bildenden Kunst.

Selbstporträt I, 1995 © Udo Lindenberg Archiv
Selbstporträts – zu den Selfies der Kunstgeschichte
Lange bevor Influencer*innen Smartphone-Selfies mit Kussmund und Peace-Zeichen in den sozialen Netzwerken etablierten, gab es Albrecht Dürer im Pelzrock, Vincent van Gogh mit Strohhut, Gustave Courbet in der verzweifelten Pose des verkannten romantischen Genies und Frida Kahlo mit ihrer inzwischen zur Popkultur gewordenen Haarpracht.
Insbesondere Letztere nutzt das Selbstporträt zur Verarbeitung von Trauma. Ihre zahlreichen Selbstbildnisse zeigen sie oft nackt und verletzlich. Blut spielt eine Rolle; etwa, wenn die Künstlerin im Hirschkörper von zahlreichen Pfeilen durchbohrt wird oder wenn die Dornenkette, die sie um den Hals trägt, ihre Haut zersticht. Thematisiert werden sowohl ihr körperlicher Schmerz durch einen Unfall, den sie als junge Frau erleidet und der sie Zeit ihres Lebens begleitet, als auch seelische Verletzungen durch Fehlgeburten, Identitätsfragen und das Durchbrechen von Geschlechterrollen.
Auch von Albrecht Dürer existieren mehrere Selbstporträts. Am bekanntesten ist sicherlich das erwähnte Bild im Pelzrock. Auf diesem wirkt der Künstler selbstbewusst und unnahbar, was nicht zuletzt durch die an Christus erinnernde Pose verstärkt wird. Der teure Pelzmantel verleiht ihm Status und Prestige.
Ähnlich wie Influencer*innen heute, kontrollieren Künstler*innen in Selbstporträts das eigene Bild und die Wahrnehmung ihres Selbsts durch Andere. Und Udo? Der ist in seinen Bildern nicht nur einer, sondern viele – privater Udo und Bühnenfigur verschmelzen und inszenieren sich in verschiedenen Kostümen. Eines aber bleibt fast immer gleich: lange Haare, Hut und Sonnenbrille.
Kaisermünze, König von Scheißegalien und Panikpräsident
Ein Jahr nach seinem offiziellen Debüt als bildender Künstler erscheint Udos Album Und ewig rauscht die Linde (1996). Das Cover zeigt den Panikrocker im Profil und erinnert an antike Darstellungen römischer Kaiser auf Münzen. Entsprechend eindrucksvoll und zugleich schnörkellos erscheint das in Silber auf blauem Grund gezeichnete Porträt. Auch in vielen weiteren Abbildungen tritt Udo im Profil auf. Kinn und Unterlippe werden dabei im Laufe der Zeit immer ausgeprägter.

Und ewig rauscht die Linde, 1996 © Udo Lindenberg Archiv
„Und nerven Sie mich nicht mit Ihren Lappalien. Ich bin der König von Scheißegalien” singt Udo 1998 auf seinem Album Zeitmaschine. Den Song König von Scheißegalien interpretiert er nicht nur musikalisch, sondern auch in seiner bildenden Kunst. Vor einer Landkarte thront in frontaler Ansicht Udo – überraschenderweise ohne Sonnenbrille – im royalen Rot mit Krone und Zepter. Doch Udo wäre nicht Udo, wenn er ein Herrschaftsporträt nicht auf seine Art auflockern würde. Der königliche Herrscherstab ist nicht mit Reichsapfel, Kreuz oder Adler bekrönt, sondern mit einem Schweinekopf. Womöglich ein Mittelfinger in Richtung der sich als Elite begreifenden Spießer? Die Krone ist am unteren Rand mit einer Hutkrempe ausgestattet und greift somit Udos übliche Kopfbedeckung auf. In der linken Hand hält er eine Dose Astra-Bier, das auf seine Wahlheimat Hamburg verweist. Bild und Song drücken eine Laissez-faire-Haltung aus, Hedonismus als Antwort auf eine immer schneller werdende Welt.

König von Scheißegalien, 1998 © Udo Lindenberg Archiv
Ebenfalls ohne Sonnenbrille, aber mit Hut präsentiert sich Udo als Panik Präsident (2001). Umringt von einer Menge identischer Bewunderer ist er ganz der breitschultrige Staatsmann. Die Bezeichnung Panikpräsident taucht 2003 auch als Titel eines Albums und seiner Autobiografie (2004) auf.

Panik Präsident, 2001 © Udo Lindenberg Archiv
Ein häufiger Gestus in Udos Selbstbildnissen ist der ausgestreckte Arm mit einem Glas in der Hand, wie zum Anstoßen erhoben. Auch andere Figuren werden mit diesem Accessoire gelegentlich ausgestattet, meistens ist es aber der Künstler selbst, der den Betrachter*innen zuprostet.

Andrea Doria, 2000 © Udo Lindenberg Archiv
Doch auch ernsthafte, intime Bilder gehören zu Udos sonst eher augenzwinkernd-verschmitzten Repertoire. Deep Desperation und What’s gonna happen? von 2000 zeigen ihn zweifelnd statt fröhlich, nachdem er der Bar im Hotel Atlantic den Rücken gekehrt hat. Der Alkohol, sonst Teil seiner Lebenslust, scheint ihm zum Verhängnis geworden zu sein.

Andrea Doria, 2000 und What's gonna happen, 2000 © Udo Lindenberg Archiv
Farewell ol’ Atlantic Bar (2000) greift das Charakteristikums des erhobenen Glases zwar wieder auf, der Kopf der Person ist jedoch gesenkt, das Gesicht voller Kummer. Ob es überhaupt Udo ist, der hier abgebildet ist, lässt sich aufgrund der grünen Hautfarbe, dem kahlen Kopf und ohne seine typischen Attribute kaum feststellen.

Farewell ol' Atlantic Bar, 2000
Panik im Porträt
Ob in seinem eigenen Königreich, auf dem Kometen oder in der Bibel: Udo schafft es in (fast) jedes Bild. Wie die alten Meister bildet er sich mit Merkmalen ab, die ihm einen hohen Wiedererkennungswert verleihen. Dabei kreiert er nicht nur eine Art Marke, sondern transportiert das Bild des immer feiernden Panikrockers ins kulturelle Gedächtnis.
Gelegentlich lässt er auch einen Blick hinter den Vorhang zu. Das Spiel mit Authentizität und Inszenierung, Bodenständigkeit und Abgehobenheit, Nachdenklichkeit und Ekstase macht seine Kunst so reizvoll.
Und trotz aller Ungreifbarkeit seines wahren Ichs bleibt er doch einfach immer: Udo.

Komet, 2023 © Udo Lindenberg Archiv
Lena Elster
Allgemein