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Zwischen Zahnpastawerbung und Möbelhaus: Das QUIBB-Manifest und der Kapitalistische Realismus

7. April 2026

„Lieben Sie Kunst? Wenn ja, in welcher Farbe?“ – selten beginnt eine Kunstrichtung mit einer Frage, die so wenig beantwortbar ist und gerade deshalb so viel sagt.

Als Winfried Gaul und Hans Peter Alvermann im Januar 1963 das sogenannte QUIBB-Manifest veröffentlichen, wirkt vieles darin wie Nonsens. Ein Fragebogen voller absurder Optionen, inspiriert von einer Zahnpastawerbung, durchzogen von dadaistischem Humor. Und doch ist dieses Dokument mehr als ein Spiel: Es markiert einen Moment, in dem sich etwas verändert.

 

Wie Kuratorin Dr. Sarah Hülsewig im Ausstellungskatalog schreibt, wird mit dieser neuen Generation von Künstler*innen „eine Gegenbewegung“ sichtbar – nachdem die gegenstandslose Kunst ihre Möglichkeiten „so sehr auf die Spitze getrieben“ hatte, dass sie an eine Grenze gestoßen war. Was folgt, ist keine Rückkehr zum Alten, sondern ein Wechsel der Perspektive.

Denn die Abstraktion, die das Nachkriegsdeutschland geprägt hatte, wird nun zunehmend als Verschleierung gelesen. Als Schweigen über die jüngste Vergangenheit, über Schuld, über Kontinuitäten. Das QUIBB-Manifest benennt dieses Unbehagen nicht direkt – doch zwischen scheinbar absurden Fragen tauchen plötzlich solche auf, die ins Mark treffen: nach Zugehörigkeit, nach Verantwortung, nach Verdrängung.

Dass das Manifest auf den 30. Januar 1963 datiert ist – exakt dreißig Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten – ist dabei kein Zufall. Es ist ein Datum, das sich nicht neutral lesen lässt.

 

Gleichzeitig richtet sich der Blick nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Pop Art ist längst ein internationales Phänomen geworden. In den USA feiert sie Konsum, Oberfläche, Wiedererkennbarkeit. Werbung, Stars, Serienbilder. Doch in Deutschland trifft diese Bildsprache auf eine andere Realität. Der Optimismus des „American Way of Life“ lässt sich hier nicht einfach übernehmen. Oder, wie es im Manifest heißt: „Unsere Kunst ist kein Ausflug ins Disney-Land.“

Stattdessen entsteht eine Variante von Pop Art, die näher am Alltag bleibt – und diesen zugleich befragt. Symbole kleinbürgerlicher Spießigkeit gehören plötzlich ebenso zum Bildrepertoire wie die unscheinbaren Gegenstände des täglichen Lebens.

 

Im selben Jahr, 1963, wird dieser Impuls in Düsseldorf praktisch erprobt. Vier junge Künstler – Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Sigmar Polke und Gerhard Richter – organisieren eine Ausstellung in einem leerstehenden Ladenlokal. Kein Museum, keine Galerie, sondern ein improvisierter Raum, der zunächst überhaupt erst hergerichtet werden muss.

Sie nennen ihr Projekt „Kapitalistischer Realismus“. Ein Begriff, der sofort irritiert. Er klingt vertraut und zugleich widersprüchlich, erinnert an den Sozialistischen Realismus der DDR und setzt ihm eine westdeutsche Variante entgegen – ironisch, distanziert, bewusst mehrdeutig.

Die Einladung zur Ausstellung formuliert keine klare Stilbeschreibung, sondern eine Reihe von Möglichkeiten: Pop Art? Naturalismus? Antikunst? Neo-Dada? Die Begriffe stehen nebeneinander, ohne sich festzulegen. Es ist weniger eine Definition als eine Verweigerung.

Was das QUIBB-Manifest als Text formuliert, wird hier zur Praxis. Kunst entsteht nicht im abgeschlossenen Raum, sondern im direkten Bezug zur Wirklichkeit. Magazine, Werbung, Alltagsbilder werden zu Ausgangspunkten. Die Grenze zwischen Kunst und Lebenswelt beginnt zu verschwimmen.

 

Ein Jahr später treiben Richter und Lueg diese Idee weiter – und verlegen die Kunst gleich ganz in den Alltag. Im Möbelhaus Berges inszenieren sie 1964 die Aktion „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“. Zwischen Sofas, Lampen und Wohnzimmereinrichtungen hängen ihre Bilder. Sie selbst sitzen und liegen auf den Möbeln, als gehörten sie dazu.

Es ist eine Inszenierung, die gleichzeitig Nähe schafft und Distanz erzeugt. Die Kunst wird scheinbar zugänglich – und zeigt doch, wie sehr sich die westdeutsche Gesellschaft in einem Zustand des Einrichtens befindet. Wohlstand, Rückzug ins Private, eine Gegenwart, die es sich bequem macht.

Hülsewig beschreibt diese Situation im Katalog als ein Leben, in dem die Außenwelt „nur über die […] kaum beachtete ‚Tagesschau‘ ins ‚Wohnzimmer‘“ dringt. Die Bilder stehen mitten im Raum – und zeigen doch, wie wenig gesehen wird.

 

Deutsche Pop Art beginnt also nicht mit einem klaren Stil, sondern mit einer Haltung der Verunsicherung. Sie übernimmt die Bildwelt der Pop Art, aber nicht ihren Ton. Vielleicht lässt sich ihr Anfang deshalb am besten so beschreiben: nicht als Import, sondern als Übersetzung. Eine Übersetzung, die Reibung erzeugt – zwischen Konsum und Kritik, zwischen Oberfläche und Erfahrung, zwischen dem, was sichtbar ist und dem, was darunter liegt.

Joelle Czampiel

 

Abb. (Ausschnitt) Konrad Lueg, Tapete, 1966 © VG Bild-Kunst, Bonn 2025


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